Was ist los, wenn Kinder zu viel Aufmerksamkeit brauchen?

Alltägliche Situationen wie zum Beispiel das Anziehen und Außer-Haus gehen in der Früh oder das Schlafen gehen am Abend ist für viele Eltern mühsam und anstrengend. Denn ihre Kinder machen nicht das was sich die Eltern wünschen und erwarten. Viele Eltern geben ganz viel – vor allem Aufmerksamkeit – ihren Kindern und erwarten oder erhoffen sich, dass ihre Kinder dafür in anderen Situationen, die den Eltern wichtig sind, mitmachen. Doch das funktioniert nicht immer. Die für mich spannende Frage ist: Was ist da los, wenn Kinder Aufmerksamkeit bekommen, aber trotzdem nicht mitmachen? Eine mögliche Erklärung ist, dass Eltern mit ihrer Aufmerksamkeit zu viel bei ihrem Kind sind und zu wenig auf sich und ihre Bedürfnisse achten.

Zu viel Aufmerksamkeit beim Kind und zu wenig bei sich selbst

Kinder, die viel Aufmerksamkeit brauchen

Immer mehr Eltern kommen zu mir in die Beratung, die das Thema haben, dass sie mit ihrer Aufmerksamkeit zu viel bei ihrem Kind sind. Sie beschreiben mir ihr Kind als eines, das sehr viel Aufmerksamkeit braucht. Für die Eltern wird dies auf die Dauer immer schwieriger und anstrengender und daher suchen sie Wege um die Aufmerksamkeit zu reduzieren. Doch das ist schwierig, denn es ist mit Frust beim Kind verbunden. Dies zu begleiten und einfach da sein zu lassen ist eine Herausforderung. Das weiß ich aus eigener Erfahrung und kann jeden, der seinem Kind zu viel Aufmerksamkeit schenkt, ermutigen diese zu reduzieren. Denn es tut dem Kind und den Eltern gut. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung.

Was ich Eltern mitgebe ist, dass Kinder nicht so viel Aufmerksamkeit brauchen wie wir Eltern denken. Jesper Juul, ein dänischer Familientherapeut, betonte immer wieder, dass Kinder viel Aufmerksamkeit fordern und alles an Aufmerksamkeit nehmen was sie kriegen können. Aber sie brauchen nicht so viel Aufmerksamkeit wie wir Erwachsende glauben. Daher können Eltern getrost einen großen Teil der Aufmerksamkeit ohne schlechtes Gewissen reduzieren. Mehr dazu findest du in einem Interview mit Jesper Juul bei Die Presse.

Die Aufmerksamkeit wieder auf sich und seine Bedürfnisse richten

Die andere Seite ist, dass Eltern meiner Meinung nach ihre Aufmerksamkeit wieder mehr auf sich und ihre Bedürfnisse richten sollten. Ich beobachte, dass viele Eltern in der Aufmerksamkeit bei ihrem Kind sind und dadurch weniger bei sich sind. In anderen Worten heißt dies, dass Eltern ihren Aufmerksamkeitsfokus wieder mehr auf sich selbst richten dürfen. Jesper Juul sprach davon, dass Eltern 60% ihrer Aufmerksamkeit immer bei sich selbst und ihren Bedürfnissen haben sollten und „nur“ 40% ihrer Aufmerksamkeit auf ihre Kinder richten sollten.

Dieses Phänomen, dass Eltern mit ihrer Aufmerksamkeit beim Kind und zu wenig bei sich sind, beobachte ich in meinen Beratungen und kenne ich selbst gut aus meinem eigenen Leben. Meinem Gefühl nach entsteht dadurch ein Vakuum, denn die Eltern spüren sich selbst weniger und die Kinder, die sehr empfindsam sind, spüren, dass hier etwas nicht stimmt. Denn Kinder wünschen sich echte, authentische Eltern, die zeigen wer sie sind und was sie brauchen. Also Eltern mit persönlichen Grenzen und persönlicher Autorität.

Genau dieses Vakuum, glaube ich, ist ein Grund warum in Alltagssituationen nichts weiter geht. Denn Eltern sind mit ihrer Aufmerksamkeit bei ihren Kindern und warten oder erwarten sich, dass sich diese jetzt fertig machen zum Außer-Haus gehen und die Kinder spüren dieses Vakuum. Sie fragen sich: „Was ist hier los? Mama/Papa, was brauchst du in dieser Situation? Was macht dich aus? Wo ist dein Grenze?“ Und weil sie das herausfinden wollen beziehungsweise den Eltern helfen möchten dies über sich selbst zu lernen, denke ich, machen sie nicht mit. Was kann ich da tun?

Wenn Eltern wieder in der Aufmerksamkeit bei sich sind und das tun was ihnen wichtig ist oder was sie jetzt brauchen und somit ihre Aufmerksamkeit vom Kind reduzieren, glaube ich, können Kinder auch wieder bei sich selbst sein und im Alltag besser mit machen. Denn Kinder wollen von Natur aus dabei sein und mitmachen.

Beispiel Außer-Haus-Gehen

Um meine theoretischen Gedanken noch klarer verständlich zu machen, gehe ich nun auf ein praktisches Beispiel ein. Viele Familien kämpfen in der Früh mit dem Außer-Haus-Gehen. Insbesondere wenn Eltern es in der Früh eilig haben, kommt es zu mühsamen oder stressigen Situationen, weil die Kinder nicht mitmachen.

Eltern erinnern, ermahnen ihre Kinder, dass es Zeit wird sich zusammenzurichten. Sie bringen die Kleidung, streichen das Frühstücksbrot, richten die Jause für den Kindergarten oder die Schule, etc. Eine Anweisung nach der anderen hören die Kinder von ihren Eltern. Und das gefühlt 100-Mal. Genau durch diese Anweisungen und Erinnerungen oder durch ihr Verhalten wie zum Beispiel das bringen der Kleidung, sind die Eltern mit ihrer Aufmerksamkeit zu viel bei ihrem Kind.

Und die Reaktion der Kinder reicht von Ignoranz bis zu Widerstand. In anderen Worten manche Kinder machen nicht mit oder nur langsam. Wieder andere lassen sich bedienen und manche Kinder boykottieren oder äußern ihren Widerstand durch klare Ansagen. Dies, denke ich, entspricht alles nicht dem Naturell von Kindern. Vielmehr sehe ich es als Zeichen der Kinder, dass etwas nicht passt. Besonders dann, wenn dies regenmäßig oder über einen längeren Zeitraum vorkommt und wenn es für die Eltern zur Belastung wird. Wenn es für alle Beteiligten in der Familie passt, dann ist es auch gut und darf gerne so sein.

In Gesprächen mit Eltern über solche Situationen kommen wir gemeinsam oft zu der Erkenntnis, dass Eltern zu viel mit ihrer Aufmerksamkeit bei ihrem Kind sind und zu wenig bei sich selbst. Sie achten zu wenig darauf was sie jetzt in der Früh brauchen oder was ihnen selbst jetzt gut tut. Dies herauszufinden und darauf zu achten lohnt sich, denn dadurch ist man mit der Aufmerksamkeit wieder bei sich selbst und das entspannt. Es entspannt die Eltern und die Kinder.

Konkret gesagt kann sein, dass es der Mutter gut tut, wenn das Kind sich selber das Brot streicht, damit sie auch in Ruhe frühstücken kann. Oder eine klare Aussage kann helfen wie zum Beispiel: „Heute habe ich einen wichtigen Termin. Ich möchte, dass wir zusammenhelfen und heute pünktlich außer-Haus gehen.“ In manchen Familien ist es hilfreich die Verantwortung dem Kind zu übertragen, indem es sich selber anzieht. So haben die Eltern Zeit sich selbst in Ruhe anzuziehen und alles einzupacken was sie für den Tag brauchen.

Für mehr konkrete Tipps und Hintergründe zum Thema Außer-Haus-Gehen und Morgenroutine lese bei meinem Artikel „Warum machen Kinder in der Früh nicht mit?“ nach.

Fazit

Wenn Kinder zu viel Aufmerksamkeit brauchen, dann haben sie bis jetzt zu viel Aufmerksamkeit von ihren Eltern bekommen. Dies bedeutet auch, dass Eltern in ihrer Aufmerksamkeit zu wenig bei sich selbst und ihren Bedürfnissen sind und es Zeit ist, wieder Stück für Stück ein bisschen mehr auf sich selbst zu achten. Denn wenn es den Eltern gut geht, weil sie sich gut um sich selbst kümmern, geht es auch den Kindern gut  eine alte Weisheit, die ich immer wieder betone, denn darin liegt so viel Wahres.

Zum Thema Aufmerksamkeit gibt es noch einen Videoblogbeitrag von mir mit dem Titel: „Wie viel Aufmerksamkeit brauchen Kinder?“

Beitragsbild: Colin Maynard auf www.unsplash.com

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