Werte und Werkzeuge von Jesper Juul für einen entspannten Morgen mit Kindern

Meiner Erfahrung nach gibt es viele Familien, die in der Früh unter Stress, Druck und Streit leiden. Denn die Eltern haben es meist eilig, dass sie rechtzeitig außer Haus gehen oder haben konkrete Vorstellungen und Erwartungen wie der Morgen ablaufen soll. Wenn das nicht eintritt und sie zu spät dran sind, weil die Kinder nicht mitmachen, dann kommt es zu unliebsamen Verhaltensweisen. Jemand wird laut, es wird vielleicht geschimpft, es gibt womöglich Tränen und allen Beteiligten geht es dabei nicht gut. Die Familienmitglieder sind frustriert, ärgern sich, sind wütend oder traurig.

Aus eigener Erfahrung und durch meine berufliche Tätigkeit kenne ich dieses Situationen in unterschiedlichsten Varianten. Um die Situation zu verändern und so zu gestalten, dass sie für alle Familienmitglieder passt, finde ich die Werte und Werkzeuge von Jesper Juul hilfreich. Welche Werte und Werkzeuge das sind, möchte ich dir in diesem Blogbeitrag näher bringen.

Jesper Juul’s Werte

Jesper Juul hat 4 Werte formuliert, die er als Grundlage für das Miteinander in der Familie verstanden hat. Diese sind: Gleichwürdigkeit, Authentizität, Integrität und persönliche Verantwortung. Für mich sind diese Werte die Basis für das Miteinander in meiner Familie und in meinen Beziehungen mit anderen Menschen geworden.

Integrität – seine persönlichen Grenzen in der morgentlichen Routine beachten

Unter Integrität versteht Jesper Juul die persönlichen Grenzen der einzelnen Person. Für mich heißt es einfach gesagt: was brauche ich jetzt? was tut mir gut? was tut mir nicht gut? was ist mir gerade wichtig? was mag ich? was mag ich nicht? Diese Fragen helfen mir mich selbst und eine Situation besser zu verstehen.

Wenn es in der Früh stressig und mühsam ist, kann es sein, dass ein oder mehrere Familienmitglieder nicht gut auf sich achten. In andere Worten sich gehen über ihre Grenzen und verletzten ihre Integrität. Oder die Integrität und persönlichen Grenzen der Kinder werden verletzt. Um es konkret zu machen: Vielleicht verletzt die Mutter in der Früh ihre Integrität, weil sie alleine das Frühstück herrichtet, für die Kinder die Jause und die Schul-/Kindergartentasche packt, am Frühstückstisch die Brote für jedes Kind schmiert, etc. Das heißt sie schaut auf alle anderen aber nicht auf sich selbst. Irgendwann spürt sie unbewusst, dass es ihr zu viel wird und dann ist sie gestresst und wird unzufrieden, weil ihr keiner hilft und es nicht nach ihren Wünschen abläuft.

Oder die Integrität des Kindes wird verletzt, denn es möchte etwas selber machen oder braucht mehr Zeit bis es zum Frühstück kommt. Doch seine persönlichen Bedürfnisse werden nicht gesehen. Stattdessen erledigt die Mama es für das Kind oder es wird im Zimmer abgeholt und zum Frühstück getragen (wenn das Kind noch kleiner ist).

Kooperation – wer kooperiert mit wem in der Früh?

Kooperation ist der Gegenpool zu Integrität. Es bedeutet, dass der Mensch mitmacht und andere Menschen in seinem Umfeld nachahmt. Es heißt auch sich anpassen. Die Kooperation ist für uns Menschen wichtig, denn wir möchten dazugehören und dabei sein. Auch Kinder möchten dazugehören und dabei sein. Daher machen sie im Alltag viel mit. Doch oft werden die vielen kleinen Situationen, wo Kinder mitmachen, nicht gesehen, da es als selbstverständlich erachtet wird. Und wenn Kinder sehr viel kooperieren, kann es sein, dass sie zu dem Punkt kommen, wo sie zu viel kooperiert haben (=Überkooperation) und dann nicht mehr mitmachen können.

Jesper Juul war der Meinung, dass Kinder immer kooperieren. Du fragst dich jetzt wahrscheinlich: Kann das sein? Mein Kind macht ja nicht immer mit. Ja, genau. Denn es gibt zwei Formen der Kooperation: richtig herum und spiegelverkehrt. Richtig herum heißt, dass das Kind in der Früh mitmacht bei dem was in der Familie passiert. Zum Beispiel, dass es okay ist, dass die Mama das Frühstück macht, das Brot schmiert, die Kindergartentasche packt, etc. Spiegelverkehrt ist, wenn das Kind etwas aufzeigt was die Erwachsenen unterdrücken. Zum Beispiel trödelt das Kind in der Früh. Alles ist spannender und interessanter als Frühstücken, sich anziehen, Zähne putzen und Co. Mit diesem Verhalten möchte das Kind zum Beispiel sagen: „Mama/Papa, entspann dich. Nimm dir mehr Zeit. Vertraue, dass sich alles ausgeht.“ oder „Kannst du den morgen etwas anders organisieren, damit wir mehr Zeit haben und entspannt in den Tag starten können?“

Persönliche Verantwortung – Verantwortung den Kindern für morgentliche Routine übergeben

Unter persönlicher Verantwortung versteht Jesper Juul die Eigenverantwortung. Damit meint er, dass jede Person für sich selbst – sein Leben, sein Wohlbefinden, sein Verhalten, seine Gefühle verantwortlich ist. In unserer Gesellschaft herrscht die Tradition, dass wir unsere Verantwortung abgeben und andere Personen oder Umstände für die Situation, das eigene Wohlbefinden verantwortlich machen. Warum? Weil viele in der Kindheit nicht oder zu wenig die Gelegenheit hatten Eigenverantwortung auszuüben – also Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Außerdem war man lange der Überzeugung, dass man sozial verantwortlich handeln sollte und nicht eigenverantwortlich. Eigenverantwortung wurde mit Egoismus in Verbindung gebracht. Soziale Verantwortung – die Verantwortung für eine Gruppe, die Familie, die Gesellschaft zu übernehmen – wurde als wichtiger und zentraler erachtet.

Meiner Beobachtung nach möchten Kinder gerne Verantwortung übernehmen. Sie möchten selbstständig und unabhängig sein und sie möchten keine Last für die Eltern sein. Doch oft bekommen sie dafür keine oder zu wenig Gelegenheit und weil sie sich eher anpassen und kooperieren, akzeptieren sie es, wenn sie etwas nach einigen Versuchen nicht selber machen dürfen.

In der Früh kann es sein, dass das Kind zumindest für einen Teil der morgentlichen Routine Verantwortung übernehmen möchte. Zum Beispiel für die Auswahl seiner Kleider, das selbstständig Anziehen, das Herrichten des Frühstücks oder das Einpacken und mitnehmen der Schul-/Kindergartentasche. Hat das Kind dazu keine Möglichkeit, aber spürt, dass es gerne eigenverantwortlich handeln möchte, wird es das mit seinem Verhalten, wahrscheinlich indem es nicht mehr mitmacht, zeigen. Dann ist es an der Zeit dem Kind einen Teil seiner Verantwortung zu übergeben.

Soweit so gut 🙂 Nun habe ich versucht dir mithilfe der Werte von Jesper Juul zu zeigen woran es liegen kann, dass Kinder in der Früh nicht mitmachen und die morgentliche Routine stressig und anstrengend sein kann. Jetzt zu den Werkzeugen von Jesper Juul.

Jesper Juul’s Werkzeuge für einen entspannten Morgen mit Kindern

Im Folgenden möchte ich dir die Werkzeuge von Jesper Juul an die Hand geben, die in der Früh mit Kindern hilfreich sind. Wichtig ist mir dir zu sagen, dass dies ein Angebot an Ideen von mir ist und du nach deinem Gefühl auswählst, was dir wichtig und was für deine Familie hilfreich ist. So wie bei einem Buffet, wo sich jeder nimmt was ihm schmeckt und gut tut. Denn jede Familie ist individuell und nicht alles passt für jeden 🙂

Nein Sagen – seine eigenen Grenzen ausdrücken

Um seine Integrität zu schützen und seine persönlichen Grenzen zu zeigen, ist es notwendig in manchen Situationen Nein zu sagen. Vor allem wenn Eltern spüren, dass jetzt etwas für sie gar nicht passt, sollten sie das ausdrücken.

Zum Beispiel: Das Kind ist in seinem langsamen Rhythmus in der Früh und möchte noch ein Buch anschauen. Das ist für die Eltern stimmig. Doch dann kommt die Frage nach einem weiteren Buch. Ist dies auch für die Eltern okay, weil es noch genug Zeit dafür gibt, passt es. Wenn ein weiteres Buch sich für die Eltern nicht gut anfühlt, weil es dann knapp wird und jeglicher Zeitpuffer aufgebraucht ist oder weil die Mama oder der Papa schon im Home Office arbeiten möchte, damit sie alles schaffen was sie sich an dem Arbeitstag vorgenommen haben, ist es notwendig nein zu sagen.

Ich finde es wichtig, dieses Nein und die persönliche Grenze als persönliche Botschaft zu formulieren. Zum Beispiel: „Nein, ich möchte jetzt kein Buch mehr mit dir lesen. Ich mache mich jetzt fertig und bringe dich dann in den Kindergarten.“

Persönliche Botschaften – Ich-Botschaften, kurz und klar

Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass ehrliche, klare, kurze Ich-Botschaften bei Kindern gut ankommen. Damit kommt man in Kontakt mit dem Kind und es fällt ihm leichter zu kooperieren. Denn damit zeige ich als Erwachsener was ich jetzt mache, brauche oder mir wichtig ist. Und genau das wollen Kinder wissen – wer ist meine Mama, wer ist mein Papa, was ist ihnen wichtig, wie ticken sie, etc. Weiters übernehme ich mit solchen Aussagen die Führung, da ich klar sage was mir jetzt wichtig ist und wie wir weiter machen.

Dem Kind Verantwortung übergeben

Wie bereits beschrieben, finde ich es wichtig, dem Kind Verantwortung zu übergeben. Vor allem wenn Kinder dies mit ihrem Verhalten zeigen. Ich finde es passend für einen Bereich der morgentlichen Routine dem Kind Verantwortung zu übergeben und diese mit der Zeit, so wie es für alle Beteiligten passt, zu vergrößern. Zum Beispiel kann das Kind als ersten Schritt die Verantwortung für seine Kleidung und das Anziehen übernehmen. Was mir hier wichtig ist: welche Verantwortung das Kind übernimmt, sollte aus der Beobachtung des Kindes entschieden werden. Damit meine ich, dass Kinder für den Bereich Verantwortung übernehmen, wo sie mit ihrem Verhalten Interesse zeigen oder auch sagen, dass sie es möchten. Und nicht, dass die Eltern überlegen was aus ihrer Sicht das Beste wäre.

Jetzt fragst du dich vielleicht wie mache ich das in der Praxis? Dabei können persönliche Botschaften und Nein sagen hilfreich sein. Zum Beispiel:

  • Wenn das Kind zum Beispiel noch nicht angezogen ist, kann ich als Erwachsener sagen: „Ich gehe mich jetzt anziehen. Wir treffen uns in der Garderobe. Bis gleich.“
  • Das Kind ist für seine Schultasche verantwortlich, war aber gewöhnt, dass die Eltern sie zusammenpacken und mit ins Auto nehmen. Es wird vereinbart, dass das Kind nun selbst sich um seine Schultasche kümmert. Dann können Eltern sagen: „Ich möchte jetzt losfahren. Hast du alles was du brauchst?“ oder „Was brauchst du heute für die Schule?“ Bestimmt wird dem Kind einfallen, dass es seine Schultasche braucht und diese, falls noch nicht gepackt, dann packen und holen.

Zeit geben und dem Kind vertrauen

Besonders wichtig finde ich, dass Kindern genug Zeit gegeben wird, dass sie sich selber anziehen oder die Schultasche packen und holen. Wir Erwachsene sind immer schneller – warum? weil wir es schon so oft geübt und gemacht haben. Das Kind hat noch nicht so viel Erfahrung bei der Auswahl der Kleidung und Übung beim Anziehen oder auch beim Packen der Schultasche. Das braucht Zeit. Und natürlich haben wir Eltern es oft eilig und da hilft meiner Meinung nach eines: mehr Zeit einplanen. Mir und meiner Familie tut es sehr gut, mehr Zeit für etwas zu haben. Aber auch da sind vermutlich alle unterschiedlich 🙂

Zurück zum Thema: was Kinder auch brauchen ist VERTRAUEN:

  • Vertrauen, dass sie es selber schaffen
  • Vertrauen, dass sie es rechtzeitig schaffen und sich alles ausgeht
  • Vertrauen, dass sie es auch tun und die Eltern nicht auf den Arm nehmen – damit meine ich: Das Kind sagt es geht sich anziehen, doch im Kinderzimmer sieht es seine Spielsachen und beginnt zu spielen.

Und genau das, glaube ich, fällt vielen Eltern schwer. Ich kann das gut nachfühlen und verstehen. Für mich hat das fehlende Vertrauen in das Kind seinen Ursprung in der Kinderziehung. Viele Erwachsene, die heute Eltern sind, sind in einer Zeit aufgewachsen, wo Kinder sich primär nach den Erwachsenen richten mussten. Eine Zeit, wo man glaubte, dass man Kinder erziehen und ihnen alles beibringen muss. Damals war die Haltung, dass Kinder von sich aus nicht selbstständig sind, sondern dafür Erziehung brauchen. Somit hat man, denke ich, den Kindern gesagt wie sie was zu machen haben und die Kinder haben kooperiert oder irgendwann aufgegeben ihre Integrität zu schützen und die Gegebenheiten angenommen wie es ist.

Wenn ich merke, dass es mir schwerfällt meinem Kind zu vertrauen, dann nehme ich mir Zeit inne zu halten und zu schauen was gerade bei mir da ist. Oft entdecke ich dabei, dass ich die Erfahrung machte, dass mir nicht vertraut wurde und daher kann ich jetzt meinem Kind nicht vertrauen. Wenn mir das Bewusst wird und ich diese Erfahrung als Erfahrung einordne und stehen lasse, bin ich wieder mehr bei mir und im Hier und Jetzt. Das spürt mein Kind und wir beiden vertrauen einander.

Mit der Aufmerksamkeit bei sich sein

Mit der Aufmerksamkeit bei sich sein ist für mich essentiell. Denn ich selbst erlebe und beobachte bei mir und anderen, dass die Aufmerksamkeit viel zu oft beim Kind ist und weniger bei den Erwachsenen. Der Schlüssel für mich ist in der Aufmerksamkeit bei mir zu sein – das heißt mich um mich selbst zu kümmern, mich selber in der Früh fertig zu machen, meine Sachen zu packen, etc. Dies bewusst machen und auch die Gedanken rund um das Kind loslassen finde ich sehr wichtig. Denn solange ich mit meinem Verhalten und meinen Gedanken bei meinem Kind bin, so lange wird das Kind nicht mitmachen.

Mein Fazit

Diese Werte und Werkzeuge lassen sich auf viele alltägliche Situationen mit Kindern übertragen. Für mich ist es immer wieder hilfreich, wenn ich mich aus einer mühsamen Situation rausnehme – indem ich gehe und mal gut durchatme, für mich sorge – und spüre was da gerade los ist. Oder ich reflektiere im Nachhinein die Situation um das nächste Mal etwas anders auszuprobieren und zu schauen wie es mir dabei geht.